Belletristik

Rezension „Mit Blick aufs Meer“ von Elizabeth Strout

IMG_3381Das Buch habe ich als Empfehlung bei einem Spaziergang im Viertel entdeckt. Dort hatte ein Buchladen im Schaufenster Lesetipps für den Sommer ausgestellt. Das schlichte Cover von „Mit Blick aufs Meer“ gefiel mir gleich gut. Außerdem musste ich dabei an meinen bevorstehenden Ostseeurlaub denken. Dort würde ich auch reichlich Meerblick haben. Dann entdeckte ich, dass das Buch sogar einen Pulitzerpreis bekommen hat. Das überraschte mich dann doch. Mein erster Eindruck war eher, dass es ein gemütliches Ferienschmökerbuch sei. Aber das muss sich ja nicht ausschließen.

Im Urlaub bin ich dann doch nicht zum Lesen gekommen, aber auf der Zugfahrt heimwärts schlug ich „Mit Blick aufs Meer“ auf. Rund 80 Seiten später tauchte ich wieder auf. Begeistert, dass es das Buch geschafft hatte, mich die wuselige Zugatmosphäre vergessen zu lassen.

„Mit Blick aufs Meer“ spielt in einer Kleinstadt namens Crosby an der Ostküste der USA. Aufgeteilt ist das Buch in einzelne Kapitel, die jeweils einen Ausschnitt aus dem Leben von Bewohnern Crosbys zeigen. Eine Person, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht, ist die pensionierte Lehrerin Olive Kitteridge. Obwohl jede Geschichte ihre eigenen Protagonisten hat, taucht Olive immer wieder auf und der Leser gewinnt so ständig neue Eindrücke von ihr. Dabei zeichnet sich ein kontroverses Bild zwischen helfendem Engel, überforderter Mutter und störrischer Freundin. Strout liefert aber nicht nur Außen- sondern auch Innensichten von Olive. Diese zeigen, dass sie sich in den jeweiligen Situationen oft unwohl und unzufrieden mit sich und der Welt fühlt. Doch das Buch zeigt auch, dass man nicht so einfach aus seiner Haut kann. Wie zentral die Figur der Olive im Buch ist, zeigt sich auch daran, dass das Buch im englischen Original „Olive Kitteridge“ heißt. Der Name klang wohl etwas zu sperrig für den deutschen Markt und mir gefällt der träumerisch angehauchte Titel „Mit Blick aufs Meer“ auch viel besser.

Mehr möchte ich über die einzelnen Figuren noch nicht verraten, denn es ist schön diese im Laufe der Lesens kennenzulernen und dabei einen Eindruck vom Mikrokosmos Crosby zu bekommen. Nur noch so viel: Elizabeth Strout schont ihre Figuren nicht. Wir werden Zeugen von Schicksalsschlägen und treffen die Figuren an Wendepunkten in deren Leben. Doch damit enden die einzelnen Geschichten nicht. Sie enden weder in Katastrophen noch im regenbogenfarbenen Happy End. Stattdessen zeigt uns Elizabeth Strout das Leben, wie es ist und wie wir es selbst aus Erlebnissen von uns selbst, Familie oder Freunden kennen. Und in diesem Leben gibt es neben Schatten eben auch viel Licht. Das zeigt auch „Mit Blick aufs Meer“: Dass es selbst in den schlimmsten Situationen aufbauende Menschen oder kleine Glücksmomente gibt. Das Leben erweist sich dabei nicht als gerade Straße, sondern als holpriger Weg mit vielen Richtungswechseln. Das macht die Geschichten lebendig und authentisch.

Fazit: Auf einen Urlaub am Meer hat das Buch keine Lust gemacht, dafür enthält es viele kluge Gedanken zum Leben, verpackt in ehrlich beschriebenen Einblicken ins Leben von Kleinstadtbewohnern. Sehr lohnenswert!

Übersetzt von Sabine Roth | btb Verlag | 352 S. | ISBN: 978-3442742035

 

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