Belletristik

Rezension „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić

Vor dem Fest von Saa StaniiSaša Stanišić habe ich vor fast zehn Jahren als Kolumnisten im uMagazine entdeckt. Eigentlich habe ich die Zeitschrift nur wegen seiner Texte gekauft. Die fand ich in ihrer Kürze sehr witzig und originell. Schon dabei gefiel mir, dass Stanišić eine ganz eigene Sprache und Komik hat. Daraufhin habe ich mir seinen ersten Roman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ gekauft und sehr gemocht. In diesem autobiografischen Roman schreibt er mit viel Herz und Fantasie über die Kindheit in Bosnien und den Einzug des Krieges in diese Idylle sowie die anschließende Flucht nach Deutschland.

Eine gefühlte Ewigkeit habe ich gewartet bis im Jahr 2014 mit „Vor dem Fest“ der zweite Roman von Stanišić erschien und direkt den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. In dem Buch geht es um das brandenburgische Dorf Fürstenfelde, das sich auf das jährliche Annenfest vorbereitet. Und um den Fährmann, der tot ist. Denn so beginnt das Buch. Was dann im Laufe der Seiten entsteht, ist ein ganzer Mikrokosmos aus Dorfbewohnern und Waldtieren, Legenden, Märchen und Gegenwart. Voller Lust und Kunst am Erzählen schildert Stanišić die Ereignisse in der Nacht vor dem Fest.

Dabei  treten viele schräge Typen auf. Zum Beispiel Lada, der sein Auto mehrfach im Monat im See versenkt und es dann wieder rettet. Oder Frau Schwermuth vom Haus der Heimat, die im Frühling  depressiv im Garten liegt, aber sich bestens in der Dorfchronik auskennt. Oder Frau Kranz, die jedes Jahr in der Nacht vor dem Fest ein Bild malt, das am nächsten Tag versteigert wird. Stanišić schildert Menschen, die nicht perfekt sind, sogar meist fern der Norm. Und dennoch schließe ich sie im Laufe des Lesens in mein Herz. Denn bei jeder Figur merkt man mit wie viel Feingefühl der Autor sie entworfen hat. Und mit großem Herz für die Figuren und ihre Geschichten. Beeindruckend finde ich außerdem, dass Stanišić auch die Sprache an die jeweiligen Figuren anpasst. So lesen sich die Kapitel stilistisch sehr abwechslungsreich.

Stanišić ist kein Mensch von zu vielen Worten. Er setzt seine Worte gekonnt und sparsam ein, auch das mag ich sehr an ihm. Durch diese reduzierte Schilderung lässt er Raum für eigene Imaginationen. Außerdem sind seine Texte oft unglaublich komisch geschildert. Nicht zum lauten Loslachen, sondern zum amüsierten In-sich-Hineinlachen.

Und noch etwas hat das Buch bewirkt: Bei Zugfahrten vorbei an Dörfern überlege ich nun oft, wie viele Geschichten wohl in diesen Orten und ihren Bewohnern stecken, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

Fazit: Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen und nehme es auch jetzt gern ab und zu zur Hand. Schnell bin ich dann wieder in der Welt von Fürstenfelde versunken.

Luchterhand Literaturverlag | 321 S. | ISBN: 978-3-630-87243-8

 

 

 

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