Sachbuch

Rezension „Stille. Ein Wegweiser“ von Erling Kagge

17724Bevor ich mit dem Lesen begann, habe ich mich selbst befragt: Wann war mein letzter Moment der Stille? Dann ist mir klargeworden, dass ich das gar nicht so leicht sagen kann. Natürlich gibt es am Tag viele Momente, in denen ich alleine bin und dabei gibt es wiederum einige, in denen es nur sehr leise Umgebungsgeräusche gibt. Aber ob das der Autor Erling Kagge mit Stille meint? Mir ist aufgefallen, dass für mich der Begriff „Stille“ mehrere Facetten hat. Zum einen die Abwesenheit oder Armut an Geräuschen. Zum anderen aber auch ein Moment des Innehaltens und der Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf begann ich meine Lektüre…

Den Norweger Kagge kannte ich vorher nicht. Jetzt weiß ich, dass er ein Extremtyp ist, der immer neue Herausforderungen sucht. So unternahm er unter anderem Expeditionen zum Nord- und Südpol und bestieg den Mount Everest. Ansonsten ist er Verleger in Oslo und Familienvater. Das Thema Stille hat ihn lange beschäftigt, sei es im hektischen Alltag des Stadtlebens oder in der Einsamkeit der arktischen Schneelandschaften. In seinem Buch präsentiert er nun 33 Versuche einer Beschreibung des Phänomens. Dabei verbindet er eigene intuitive Gedanken mit Zitaten oder Gedichten berühmter Persönlichkeiten, die teils aus seinem Bekanntenkreis kommen, wie zum Beispiel die Performance-Künstlerin Marina Abramović oder der Neurologe Oliver Sacks. Er lässt aber auch Philosophen zu Wort kommen, wie Seneca oder Martin Heidegger.

Stille als Idee

Die einzelnen Kapitel haben jeweils einen eigenen Fokus und beziehen sich nicht direkt aufeinander. So setzt sich Kagge mit der Stille in seinem eigenen Leben, aber auch in Kunst, Musik, Philosophie oder dem Naturerleben auseinander. Dabei spannt er den Bogen von Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus mit dem berühmten Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ bis hin zu stillen Momenten in der Pop-Musik, etwa bei Rihanas Hit „Diamond“. Man muss ihm nicht in jedes dieser Gebiete folgen. Ich habe manche Kapitel mit mehr Interesse gelesen als andere.

Was ich sehr nachvollziehbar finde, ist seine Beschreibung von Stille als Idee, die nicht unbedingt mit den Umgebungsgeräuschen zu tun hat. Zudem könne man Stille im Außen und Stille im Innen unterscheiden. Kagge berichtet etwa von einem Fußballspieler, der erzählt, wie er absolute Stille erlebt in dem Moment, wenn er den Ball Richtung Tor abschlägt. Die Jubelrufe bei einem Treffer dringen erst später in sein Bewusstsein.

Unruhe als Normalzustand

Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl: Erwischt! Etwa, wenn ich mich im Alltag allzu schnell ablenken lasse. So vermeidet man oft sich in der Stille mit sich selbst auseinanderzusetzen. Auch Kagge kennt das sehr gut und schreibt: „Stattdessen beschäftige ich mich irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. Ich schreibe Textnachrichten, lege Musik auf, höre Radio oder lasse einfach den Gedanken freien Lauf, statt innezuhalten und die Welt vielleicht einen Augenblick auszusperren.“ Ich denke, so geht es den meisten. Und oft bekommt man das Gefühl, dass erst die digitale Welt diese permanente Ablenkung geschafft hat. Dabei stellte der Philosoph Blaise Pascal bereits im 17. Jahrhundert fest: „Alles Unglück der Menschen kommt davon her, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in einer Stube zu halten“. So resümiert auch Kagge, dass der ständige Drang sich abzulenken die Konsequenz eines inneren unruhigen Zustands ist, den wir seit unserer Geburt in uns tragen. Dieser Zustand habe sich also nicht verändert, jedoch sei die Zahl der Ablenkungsmöglichkeiten mit der Zeit erheblich gestiegen.

Kagge schreibt solche Sätze nicht belehrend. Es liest sich eher so, als hätte er sie für sich selbst aufgeschrieben und wir könnten nun Teil daran haben. So schreibt er dann auch von eigenen Überlegungen, wie man mehr stille Momente in den Alltag integrieren kann ohne das moderne Leben dabei hinter sich zu lassen: „Wir Menschen sind als soziale Wesen geschaffen. Daher ist Erreichbarkeit etwas Gutes. Wir funktionieren nicht allein. Aber das Telefon ausschalten, sich hinsetzen, nichts sagen, die Augen schließen, zehn Mal tief einatmen und versuchen, an etwas anderes zu denken als an das, woran man sonst denkt, ist wichtig“.

Fazit

Kagges Buch ist philosphisch angehaucht und dennoch voller Leichtigkeit geschrieben Man findet dort viele Inspirationen für den eigenen Alltag, ohne dass diese belehrend wirken. Dabei kommen viele von Kagges Gedanken zum Thema Stille nicht neu daher, aber das liegt wohl auch daran, dass die Suche nach Stille ein Thema der Zeit ist.  Die spannendsten Stellen im Buch sind für mich die, wo er von sich selbst schreibt, von seinen Expeditionen, aber auch seinen Erlebnissen, die sich um Stille drehen. Auch dass er andere Personen zu Wort kommen lässt, gefällt mir, da es viele Facetten auf das Phänomen zulässt. Gefallen haben mir auch die Bilder im Buch. Sie haben ohne Worte viel von dem ausgedrückt, was Kagge anspricht. Man könnte dieses Buch in einem Zug durchlesen. Ich empfehle stattdessen sich dabei etwas mehr Zeit zu lassen, um die einzelnen Kapitel mehr auf sich wirken zu lassen.

Insel Verlag | 144 S. | ISBN: 978-3-458-17724-1

Vielen Dank an den Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

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