Biografie

Rezension „Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie mit Briefen“ von Marina Bohlmann-Modersohn

paulaPaula Modersohn-Becker von Marina Bohlmann-ModersohnVor rund einem Jahr habe ich den Kinofilm „Paula“ von Christian Schwochow gesehen. Der Film zeigt gut die Lebendigkeit von Paula Modersohn-Becker, viele Details ihres Lebens bleiben aber unberücksichtigt. Für alle, die mehr über ihr Leben erfahren möchten, ist die Biografie von Marina Bohlmann-Modersohn eine Empfehlung und Lesetipp. Die Autorin ist übrigens nicht mit Paula Modersohn-Becker verwandt. Paulas Mädchenname war Becker, den Namen Modersohn übernahm sie nach der Ehe mit dem Maler Otto Modersohn. Bei Marina Bohlmann-Modersohn handelt es sich um eine Schwiegertochter von Christian Modersohn, der ein Sohn aus Otto Modersohns dritter Ehe war.

Kindheit in Dresden und Bremen

Nun aber genug mit komplexen Verwandtschaftsverhältnissen und zum Buch. Es erzählt das Leben von Paula vor allem anhand von Briefen. Durch diese Zeitdokumente wird das Leben der Malerin beim Lesen besonders lebendig. Zudem lernt man nicht nur die Künstlerin Paula Modersohn-Becker kennen, sondern die Person dahinter.

Geboren wurde Paula im Jahr 1876 in Dresden. Die Familie wohnte zunächst in der Friedrichstadt, einem Dresdner Stadtteil, in dem viele Industrieunternehmen ansässig waren. Der Vater Woldemar Becker war Ingenieur bei der Berlin-Dresdner-Bahn. Die Mutter Mathilde Becker, geborene von Bültzingslöwen, entstammte einer Offiziersfamilie aus Lübeck. Als Paula 12 Jahre alt war zog die Familie nach Bremen. Der Vater hatte dort den Posten eines Bau- und Betriebsinspektors bei der „Preußischen Eisenbahnverwaltung im Bremischen Staatsgebiet“ erhalten.

Streben nach Kunst und Freiheit

Schon früh hatte Paula einen großen Drang nach Selbstverwirklung. Auf Wunsch der Eltern besuchte sie zwar von 1883 bis 1885 ein Lehrerinnenseminar in Bremen, um ihr eine solide Ausbildung zu geben, zeitgleich nahm sie aber privaten Malunterricht. Anschließend durfte sie eine Ausbildung zur Porträtmalerin in Berlin absolvieren. Paula hatte großes Glück, dass ihre Familie ihr diese Ausbildung ermöglichte, denn Frauen wurden damals kaum als Künstlerinnen angesehen und der Zugang zu Kunsthochschulen war ihnen verwehrt. Unterrichtet wurden sie in privaten Malschulen, was meist als Freizeitvergnügen betrachtet wurde. Doch Paula betrieb die Malstudien von Anfang an mit großer Leidenschaft und Intensität.

Im Jahr 1887 führte sie ein Familienausflug erstmals nach Worpswede, das nahe bei Bremen gelegen ist und in dem sich damals Künstler wie Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler und Otto Modersohn niedergelassen hatten. Es liegt eingebettet in eine Torf- und Moorlandschaft. Unter anderem wegen der inspirierenden Naturstimmung gründeten die Maler dort eine Künstlerkolonie.

Der Besuch in Worpswede hat Paula nachhaltig inspiriert und begeistert, sodass sie anschließend mehrere Wochen für Malsudien dort blieb. In einem Brief an ihre Tante Cora von Bültzingslöwen beschreibt sie ihre Gefühle nach der Ankunft: „Mein erster Abend in Worpswede. In meinem Herzen Seligkeit und Frieden. Um mich herum die köstliche Abendstille und die vom Heu durchschwängerte Luft. Über mir der klare Sternenhimmel. Da zieht so süße Seelenruhe ins Gemüt und nimmt sanft Besitz von jeder Faser des ganzen Seins und Wesens“.

Frühe Expressionistin

Was mir, wenn ich es selbst schreiben würde, ziemlich schmalzig vorkäme, passt zu der Paula Becker, wie man sie im Buch kennenlernt. Sie war ein leidenschaftlicher und begeisterungsfähiger Mensch, der dies auch auf andere übertragen konnte. Außerdem war sie erfüllt von großer Zielstrebigkeit und dem unbeirrbaren Glauben, dass sie durch stetes Üben die Meisterschaft in der Kunst erreichen könne, die ihr vorschwebte.

Davon ließ sie sich nie abbringen, auch nicht durch die zu ihren Lebzeiten meist negativ gestimmte Kritik. Außer ihrem späteren Mann Otto Modersohn gab es kaum jemanden, der Paulas Kunst schätzte. Dies änderte sich erst nach ihrem frühen Tod im Jahr 1907.

Mehr möchte ich noch nicht vorwegnehmen aus dem Leben der Paula Modersohn-Becker, die ab 1900 zwischen Worpswede und Paris pendelte und begierig das Leben und die Kunst ihrer Zeit aufsog. Heute gilt Paula Modersohn-Becker als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. Sie versuchte in ihren Werken eine Verbindung von Natur und Menschen zu schaffen. Dabei gelang ihr eine Reduzierung auf das Wesentliche in der Darstellung. Wer mehr über die Kunst von Paula Modersohn-Becker erfahren möchte, empfehle ich diesen Artikel aus dem Kunstmagazin art.

Fazit

Sehr lebendig geschriebene Biographie über eine einzigartige Frau, die heute bekannt und zu Lebzeiten meist verkannt war. Besonders die vielen Briefe ermöglichen es, das Wesen von Paula Modersohn-Becker zu erfassen und machen ihre Außergewöhnlichkeit noch deutlicher. So sind ihr unbeirrbarer Glaube an sich selbst und der Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung beachtenswert für das Leben einer Frau im restriktiven deutschen Kaiserreich.

Zum Abschluss noch einen kleinen Einblick in ihr Schaffen sowie ein Zitat von Paula.

„Ich finde, wir sollen von unserer armen Seele nicht immer Sonntagsstimmung verlangen. Und dann finde ich, jeden Akt, den wir tun, das sind wir, und man soll Achtung davor haben. Ich erkenne keine Norm an (…), sondern fasse den Menschen auf in seiner mannigfachen Vielfarbigkeit oder versuche es zu tun, in Demut und habe Achtung davor (…)“.

btb Verlag | 336 S. | ISBN: 978-3-442-73643-0

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