Allgemein, Belletristik

Rezension „Spinner“ von Benedict Wells

Romancover Der Rezension voranstellen möchte ich ein großes Dankeschön an Sarah vom Blog Studierenichtdeinleben, die mir im letzten Herbst des Öfteren von Benedict Wells vorgeschwärmt hat, den ich bis dahin kaum kannte. Dann habe ich mich im Dezember mit den ersten drei seiner bisher vier veröffentlichten Romane eingedeckt und prompt alle hintereinander gelesen. Hier stelle ich nun sein erstes Werk „Spinner“ vor. Veröffentlicht wurde es erst nach seinem Roman „Becks letzter Sommer“, geschrieben hat er es aber schon davor, mit 19 Jahren.

Wenn man nach Informationen zu Benedict Wells sucht, erfährt man meist zuerst, dass er seine gesamte Schulzeit in Internaten vebracht hat. Bei weiteren Nachforschungen liest man dann, dass er seinen urspünglichen Nachnamen „von Schirach“ in „Wells“ änderte, um sich von seiner Familiengeschichte zu distanzieren. Wenn es beim Namen „von Schirach“ klingelt, dann kann ich bestätigen: Wells ist der Cousin des Schriftstellers Ferdinand von Schirach, seine Schwester Ariadne von Schirach arbeitet ebenfalls als Autorin. Der Name Wells ist eine Hommage an Homer Wells aus dem Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag von John Irving. Ansonsten hält sich Wells zu seinem Leben eher bedeckt, ich lese noch, dass er nach einer Zeit in Barcelona nun wieder in Berlin lebt. Viel mehr nicht. Er möchte keinen Hype um seine Person, seine Bücher sollen für sich und nicht durch ihn vermittelt sprechen.

Geprägt von eigenen Erlebnissen

„Spinner“ ist das am meisten autobiografische Werk von Wells, die Hauptperson Jesper Lier hat einige Parallen mit ihm selbst: Wie Jesper zog Wells nach dem Abitur aus Süddeutschland nach Berlin. Anstatt zu studieren, schlug er sich mit Nebenjobs durch, wohnte sehr spartanisch und verbrachte die Nächte schreibend. Vier Jahre lang ging das so, als sein zweiter Roman „Becks letzter Sommer“ fertig war, wollte ihn zunächst keiner verlegen. Er fühlte sich damals manchmal als Versager, aber dennoch stand eines für ihn fest: Er würde weiterschreiben. Dann der Glücksfall: ein Anruf von dem 2011 verstorbenen Diogenes-Gründer und Verleger Daniel Keel, der seinen Roman verlegen wollte. Der Grundstein für seinen Erfolg war damit gelegt und sollte sich fortsetzen.

Nun zurück zu Jesper Lier, dem „Spinner“. Der Leser begleitet ihn im Buch durch eine Woche in Berlin. Man merkt dabei, wie wenig er dem Sog der Großstadt entgegensetzen kann. Jesper schreibt an seinem Erstlingsroman. Er schreibt vor allem nachts, inzwischen auch nur noch betrunken und sein Werk ist schon auf über 1000 Seiten angewachsen. Er schläft kaum noch, isst nicht mehr, verwahrlost zunehmend. Und dann kommt noch eine Schreckensmeldung: sein Mentor und Freund, ein ehemaliger Germanistik-Professor, ist verstorben. Das wirft ihn noch weiter aus der Bahn und reißt auch alte Wunden verbunden mit dem zwei Jahre zurückliegenden Tod seines Vaters wieder auf. Jesper zieht sich zunehmends zurück und leidet unter dieser Einsamkeit, die er mittlerweile auch in Gesellschaft spürt. Er merkt selbst, wie unglücklich er ist, alle Versuche das zu ändern, scheitern aber. Und dann erweist sich auch sein Roman als Pleite. Jesper ist am Tiefpunkt und fühlt sich zunehmends im Abseits. Zum Glück, denkt man als Leser, gibt es da auch noch Menschen, die an seiner Seite stehen. Wie sein Freund Gustav, der dank des Vermögens seines Vaters in Berlin auf großem Fuß lebt und sein bester Schulfreund Frank, den Gustav und Jesper vor seiner Familie retten.

Stillstand vs. Bewegung

Alle drei sind sie in Findungs- und Umbruchsphasen. Und alle drei haben sie Angst als Verlierer und Außenseiter dazustehen. Auf ihnen lastet ein großer gesellschaftlicher Erwartungsdruck, der auch mir bekannt vorkommt. Jesper erlebt, wie sich ehemalige Mitschüler für den vermeintlich „sicheren“ Karriereweg entscheiden, anstatt ihren Träumen nachzujagen. Jespers größter Alptraum sieht so aus: „Ich wachte mit einem Gefühl von kalter Angst auf. Sah mich in einem Studienfach, das ich hasste, in einem Büro, das mich einengte, in einem Beruf, der mich auffraß und mir egal war“. Auch ich kenne aus meiner Schulzeit Beispiele von ehemaligen Mitschülern, die klar auf Sicherheit und/oder Karriere setzten. Und beim bald anstehenden 10-jährigen Abiturtreffen werde ich vielleicht auf weitere solcher Geschichten stoßen. Jedoch kann man von außen meist nicht beurteilen, wie die Person selbst ihre Situation erlebt. Denn jeder hat nun mal andere Vorstellungen von einem guten Leben. Letzlich muss, darf und sollte jeder etwas finden, das für ihn selbst passt.

Aber um das „passende“ Leben tatsächlich zu finden, muss man sich selbst auf die Suche machen und aktiv werden. Das merkt auch Jesper zum Ende des Buches: „Wichtig war nur, dass ich nicht mehr stillstand, dass ich mich den Dingen wieder stellte, egal, was aus mir werden würde. Denn alles andere wäre falsch, denke ich, unecht, irgendwie so, wie wenn man verrauchte Luft einatmet. Man kann damit leben, aber es ist nicht das Wahre, man atmet nicht so tief ein, wie man könnte.“

Fazit

Ein beeindruckendes Erstlingswerk, das Benedict Wells mit nur 19 Jahren geschrieben hat. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass er sich mit diesem Buch „freigeschrieben“ hat, es ist noch einigermaßen nah an seiner eigenen Biografie, wenn auch mit anderen Wendungen, und verpackt sicher einige Gedanken des damaligen Benedict Wells in die Gedanken von Jesper Lier. Wells beweist mit diesem Werk auf jeden Fall schon, dass er es kann: Er kann Geschichten schreiben, den Charakteren Leben einhauchen und er kann dazu verleiten, weiterlesen zu wollen.

Diogenes Verlag | 320 S. | ISBN: 978-3-257-24384-0

4 Gedanken zu „Rezension „Spinner“ von Benedict Wells“

  1. Ich hab noch rein gar nichts von Benedict Wells gelesen und trotzdem bin ich durch Artikel wie diesen, schon jetzt ziemlich sicher, dass Wells Werke und ich uns gut verstehen werden.
    Habe meinen ersten Wells nun endlich bestellt, mich allerdings für „Fast genial“ entschieden. „Spinner“ wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen … Auf jeden Fall steht auch „Spinner“ auf meiner Leseliste und wird gelesen, egal wie gut oder nicht gut mir „Fast genial“ gefalen wird.

    Gefällt mir

    1. Dann bin ich gespannt, wie du „Fast genial“ findest. Dazu werde ich auch bald eine Rezension veröffentlichen. Ich fands tatsächlich ganz anders, vor allem weil es auf einer ganz konkreten (wahren) Geschichte basiert und in Amerika spielt. Also, ich bin gespannt! Und auch von deinen Eindrücken von „Spinner“. Mein Favorit der bisher drei von mir gelesenen Bücher ist übrigens „Becks letzter Sommer“, vielleicht aber auch, weil ich das zuerst gelesen habe. Viel Lesevergnügen!

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