Interview, Sonstiges

„So froh wir über die Brüche mit der Vergangenheit sind – ebenso wichtig sind die Kontinuitäten“ – ein Interview mit Bernhard Schlink zu seinem neuen Roman

Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag
Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag

 

Im Interview verrät Bernhard Schlink, wie er zum Stoff seines neuen Romans „Olga“ gekommen ist und an welche Orte er zu Recherchezwecken reiste. Man erfährt außerdem, dass der Roman auf einer wahren Geschichte beruht und Schlink eigentlich einen anderen Protagonisten im Sinn hatte.

Bernhard Schlink, wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?
Bernhard Schlink: Schon immer hat mich das 19. und frühe 20. Jahrhundert beschäftigt. Ich liebe die damalige Literatur, mich macht der Untergang der Welt von damals im Ersten Weltkrieg traurig, und zugleich sehe ich immer deutlicher, wie sich in der Welt von damals das Verhängnis des 20. Jahrhunderts vorbereitet hat. Irgendwann bin ich auf einen preußischen Gefreiten gestoßen, der sich zur Schutztruppe meldete, die gegen die Herero Krieg führte, und der dabei dem Zauber der Wüste verfiel und nach seiner Rückkehr nach Deutschland die Arktis erobern wollte, die weiße Wüste. Er hat sich an größenwahnsinnigen Phantasien berauscht, aber mir war, als habe ihn eigentlich eine Sehnsucht nach dem Nichts getrieben.

Wofür steht die Figur Olga?
Bernhard Schlink: Olga ist eine Frau mit wachem, klugem Blick auf die Zeit, in der, und auf die Menschen, mit denen sie lebt; sie wird unter den Verlusten, die sie treffen, nicht schwächer, sondern stärker; sie begehrt auf, immer wieder leise und schließlich laut. Ihr Blick fällt besonders scharf auf die Männer, die sich in dem Abschnitt deutscher Geschichte, den sie erlebt, verirren und vermessen und versteigen – es ist ein Kassandrablick, auch wenn Olga zu bescheiden ist, eine Kassandra zu sein.

Welche Person hat für Sie in diesem Roman mehr Gewicht: Herbert, der die Welt bereist und die Arktis erobern will, oder Olga, die zu Hause bleibt und auf ihn wartet?
Bernhard Schlink: Während des Arbeitens am Roman hat sich mein Interesse verschoben: von Herbert, der seine Zeit repräsentiert, in ihr aber auch gefangen ist, zu Olga, die von einer herkömmlich Wartenden zu einer hellsichtigen Außenseiterin wird. Olga hat mehr und mehr Gewicht gewonnen und schließlich dem Roman ihren Namen als Titel gegeben.

Es scheint Sie erzählerisch immer wieder in eine kleine Stadt am Neckar zu ziehen. Wie kommt das? Gibt es in diesem Roman eine autobiographische Nähe zum Ich-Erzähler Ferdinand und seiner Familie?
Bernhard Schlink: Wenn eine Geschichte, die ich erzähle, keinen anderen Ort verlangt oder nahelegt, stellen sich als Ort die kleine Stadt am Neckar ein, in der ich aufgewachsen bin, und mit ihr die Menschen, Bilder, Atmosphären von damals. Nichts kommt im Roman einfach so vor, wie es damals war. Aber was damals war, ist Material, Anregung fürs Schreiben.

Sind Sie für diesen Roman, für seine Recherche, viel gereist?
Bernhard Schlink: Ich war in Namibia, in Deutsch Süd-West, wo Herbert gegen die Herero kämpft, und in Tromsö, von wo er in die Arktis aufbricht. Auch wenn ich dabei nichts gesehen, gehört und gelernt habe, das ich nicht auch aus dem Internet, Büchern und Filmen hätte lernen können – ich hätte den Roman ohne die Aufenthalte nicht schreiben können.

Der Roman umfasst eine große Zeitspanne deutscher Geschichte. Olgas Kritik am deutschen Größenwahn, den sie weder mit dem Kaiserreich noch mit dem Dritten Reich enden sieht, sondern noch in der Gegenwart findet – teilen Sie Olgas Sicht?
Bernhard Schlink: Es ist wie mit der autobiographischen Nähe, über die wir oben gesprochen haben. Olgas Sicht ist nicht einfach die meine. Aber was ich über die deutsche Geschichte denke, ist beim Schreiben Material, Anregung. Und so froh wir über die Brüche mit der Vergangenheit sind – ebenso wichtig sind die Kontinuitäten.

Interview mit Bernhard Schlink
geführt von Ursula Baumhauer und Kerstin Beaujean, Dezember 2017

© by Diogenes Verlag AG Zürich

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