Belletristik

Rezension „Olga“ von Bernhard Schlink

olga-9783257070156Das im vorigen Beitrag veröffentlichte Interview mit Bernhard Schlink liefert einen guten Einstieg in seinen neuen Roman. Ich fand es interessant, dort seinen persönlichen Zugang zu „Olga“ kennenzulernen. Und stellte fest, dass uns beide die Zeit um die Jahrhundertwende interessiert. Ich lese zum Beispiel gerne Biografien von Personen, die in dieser vielfach konservativen und gesellschaftlich einengenden Zeit, radikal eigene Wege gegangen sind. Besonders Frauen waren den gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt, umso faszinierter habe ich die Biografien von Paula Modersohn-Becker, Lou Andreas-Salome, Virgina Woolf und anderen gelesen.

Im Interview verrät Schlink zudem, dass er für die Recherche an seinem Buch an Handlungsorte, wie Tromsö oder Namibia, gereist ist. Außerdem verschob sich im Laufe der Arbeit der Schwerpunkt des Buches weg von dem auf einer realen Person basierenden Herbert*, hin zu Olga.

Gegen Widerstände

Olga ist die Protagonistin im Buch. Ihr Leben erstreckt sich über einen Großteil des 20. Jahrhunderts. Sie wird in Breslau in ärmliche Verhältnisse geboren. Ihre Eltern sterben, als sie noch klein ist, sie wächst seitdem bei ihrer Großmutter in Pommern auf. Dort lernt sie Herbert kennen, den Sohn eines reichen Gutbesitzers. Die beiden sind Außenseiter in ihrer Dorfgemeinschaft. Sie schließen Freundschaft und verlieben sich später ineinander. Doch ihre Lebensentscheidungen lassen die beiden nicht dauerhaft zueinander finden.

Olga kämpft gegen die Widerstände ihrer Umgebung an und wird Lehrerin. Herbert zieht es in die weite Welt, er tritt in die preußische Armee ein, geht mit einem Expeditionskorps nach Deutsch-Südwestafrika. Auch danach reist er in der Welt umher. Hin und wieder treffen sie sich. Olga hält dennoch treu zu Herbert. Der hat immer phantastischere Pläne. Er plant nun eine Expedition in die Arktis, um dort eine für den Schiffsverkehr zugängliche Nordwestpassage zum Nordpol zu finden. Die Mission misslingt und Herbert bleibt im Eis verschollen. Olgas Leben aber geht weiter. Sie übersteht die beiden Weltkriege und kommt schließlich als Flüchtling nach Westdeutschland. An dieser Stelle endet der erste Teil des Buches.

Neuanfang

Im zweiten Teil wandelt sich die Erzählperspektive. Erzählt wird nun aus der Sicht von Ferdinand, einem Jungen in dessen Familie Olga als Näherin angestellt ist, den Beruf, den sie nach dem Krieg ergriffen hat. Man lernt Olga oder Fräulein Rinke, wie sie nun genannt wird, aus der Sicht von Ferdinand kennen, der aus seinen Erinnerungen erzählt. Man bekommt dadurch einen neuen Blick auf diese Frau, die vom Leben immer wieder enttäuscht wurde, und dennoch nicht aufgibt. Und die sich einen klaren Blick auf das Weltgeschehen behält. Stetig warnt sie etwa vor Größenwahn und Selbstüberschätzung, die für viele Katastrophen des 20. Jahrhundert verantwortlich seien. Der dritte Teil des Werkes schließt sich wie eine Klammer um die beiden vorherigen. Er enthält Briefe, die Olga an Herbert schrieb, während er auf seiner Expedition in die Arktis unterwegs war.

Fazit

Im ersten Teil des Buches war ich etwas erschlagen von der Geschwindigkeit, mit der sich die Handlung entwickelt. Auf nur wenigen Seiten werden ganze Jahre erzählt. Dabei hat für mich teilweise der Tiefgang gefehlt. So wurden selbst die Figuren von Olga und Herbert nur skizzenhaft beleuchtet, der Fokus liegt klar auf dem Fortgang der Handlung. Da mich dieser interessiert hat, habe ich das Buch dann doch fast am Stück durchgelesen. Schlinks gewohnt prägnante und dennoch emotionale Sprache tat ihr Übriges dazu. Dann freute ich mich über den zweiten und dritten Teil des Buches, die neue Facetten an der Figur der Olga zulassen. So blicken wir im zweiten Teil mit den Augen Ferdinands zurück auf das Leben der Olga Rinke, gekennzeichnet von Brüchen und Neuanfängen – und damit eine „typische“ Biografie des 20. Jahrhunderts? Die Fluchterfahrung teilt sie zumindest mit vielen. Ich habe im Laufe des Lesens Respekt vor der Figur der Olga entwickelt, die der Zeit und ihren Wirren immer etwas entgegenzusetzen hatte. Schlink schreibt in die Figur der Olga zudem ein moralisches Plädoyer ein, sich nicht gedankenlos den Ideen der Zeit hinzugeben, sondern mit wachem Blick gesellschaftliche Veränderungen zu beobachten und im besten Fall darauf zu reagieren.

* = Die Figur des Herberts im Buch beruht auf der realen Person des Herbert Schröder-Stranz, der 1912 zu einer Expedition in die Arktis aufbrach und dort verschollen blieb.

Diogenes | 320 S. | ISBN: 978-3-257-60876-2

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

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