Belletristik

Rezension „Schilten – Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz“ von Hermann Burger

[Gastbeitrag von T. Wagner]

burger

Trotz meiner Vorliebe für deutschsprachige Autoren, gehörten Autoren aus der Schweiz, bis auf Christian Kracht und Thomas Bernhard, bisher nicht zu meinem persönlichen Literaturkanon. Vor kurzem führte dann aber ein Interview des Übersetzers Tobias Haberkorn dazu, dass ich auf das Buch „Schilten – Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz“ von Hermann Burger neugierig geworden bin.

Der Schweizer Hermann Burger (1942 – 1989) war zu Lebzeiten ein im deutschsprachigen Raum erfolgreicher Autor. Er veröffentlichte bereits während seiner Studienzeit die Gedichtsammlung „Rauchsignale“, promovierte über Paul Celan und war anschließend als Privatdozent und Feuilletonredakteur tätig. Nach seinem Suizid im Jahr 1989 geriet er weitestgehend in Vergessenheit. Erst durch eine Neuverlegung seiner Werke ist er seit ein paar Jahren wieder präsenter auf dem Buchmarkt.

Buch mit Sogwirkung

Ich war neugierig auf diesen Autor und sein Werk. Der „Schilten-Bericht“ sollte meine erste Burger-Lektüre werden. Bereits nach den ersten Seiten des Buches stellte ich aufgrund der langen Sätze und der regionaltypischen Schweizer Sprache fest, dass dieser Roman nichts für U-Bahn-Fahrten oder als Bettlektüre geeignet ist, sondern für eine längere Reise mit viel Lesemuße aufgehoben werden muss. So befand sich das Buch kurze Zeit später in meinem Gepäck Richtung Kanaren und dort begab mich in den Sog dieses Romans.

Der Autor Hermann Burger konstruiert in seinem 1976 erschienenen Roman die Hauptfigur Peter Stirner, der im gesamten Roman ausschließlich aus der Ich-Perspektive unter dem Pseudonym Armin Schildknecht einen Bericht an die sogenannte Inspektorenkonferenz verfasst. Der Schullehrer erzählt dabei von seinen Lehrmethoden, dem Schulgebäude und dem im Kanton Aargau liegenden Dorf Schilten. Der Roman ist in insgesamt 20 Kapitel, sogenannte „Quarthefte“, unterteilt. Wie ich später recherchiert habe, entspricht ein Quartheft einem alten Schreib- oder Buchformat. Man muss sich also vorstellen, dass jedes Kapitel einem Schreibheft entspricht, in dem Armin Schildknecht sich die Seele vom Leib schreibt.

Zwischen Realität und Fiktion

Peter Stirner alias Armin Schildknecht dokumentiert penibel sein Umfeld, in etwa so wie heutzutage manche gelangweilte Senioren Falschparker vor ihrer Haustür anschwärzen. Das tut er aber nicht ohne Grund, wie sich im letzten Drittel des Romans herausstellt; dort präzisiert er erstmalig, dass verschiedene Beschwerden durch die Eltern seiner Schulkinder an das Schulministerium herangetragen wurden.

Einen großen thematischen Raum in diesem Bericht nimmt der Friedhof ein, der sich direkt gegenüber dem Schulgebäude befindet. Hier ergeben sich aufgrund der räumlichen Nähe unvermeidliche Konfrontationen mit dem Friedhofswärter, der den bedeutungsschwangeren Namen „Wiederkehr“ trägt. Zudem finden die Bestattungen des Dorfes im Schulgebäude statt, da es im Dorf an anderen passenden Räumlichkeiten dafür mangelt. Friedhof und Schule sind räumlich und thematisch dadurch so eng miteinander verzahnt, dass die Morbidität in den Unterricht von Armin Schildknecht und als Leitmotiv in den Roman Einzug hält. So unterrichtet er während des Winters draußen im Nebel und führt ein Fach mit dem Titel „Todeskunde“ ein, in dem er den Scheintod zu einem seiner zentralen Themen erhebt. Dadurch driftet der Roman immer mehr ins Surreale ab, sodass man als Leser teilweise nicht mehr weiß, welche Schilderungen im Rahmen des Romans noch als real und welche als fiktiv zu sehen sind.

Fazit

Im ersten Teil des Romans erlebte ich den Detailreichtum als verschrobene, etwas übertriebene Rechtfertigung auf die an ihn gerichtete Beschwerde. Doch im Laufe des Berichts wird für den Leser ein Koordinatensystem dieses Mikrokosmos des Kantons Aargau aufgebaut, durch welches ich mich nach konzentriertem Lesen bewegen konnte und dies zu einem unvergleichlichen Leseerlebnis werden ließ. Dieser Roman enthält besonders detailreiche und plastische Schilderungen und wirkt, indem er durch eine bewusst gewählte Anordnung von regionaltypischen Begriffen eine eigene atmosphärische Geräuschkulisse entstehen lässt.

Diese detailreichen Beschreibungen bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion und zogen mich dadurch zunehmend in ihren Bann. Im Laufe des Lesens musste ich dann immer wieder bewusst Lesepausen machen, um zur Ruhe kommen und nicht selbst den Bezug zur Realität zu verlieren. Das konstruierte Koordinatensystem entwickelt sich zum Ende des Romans zu einer so verrückten, nur noch traumartig bestehenden Welt des Armin Schildknecht, aus der nur schwer eine Ausweg möglich erschien. Ich fragte mich: „Wie soll das noch weitergehen? Warum hilft ihm keiner? Er dreht völlig durch!“. Wie diese Flucht im Finale des Buchs gelingen kann, will ich aber noch nicht vorwegnehmen.

Nagel & Kimche | 416 S. | ISBN: 978-3-312-00595-6

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