Belletristik

Rezension „An der Prorer Wiek und anderswo“ von Hartmut Lange

an-der-prorer-wiek-und-anderswo-9783257070132An dem Buch hat mich zunächst der Titel angesprochen: Die Prorer Wiek ist eine Bucht im schönen Ostseestädtchen Binz auf der Insel Rügen – meine Meerliebe hat sich hier lautstark gemeldet und mich zum Lesen des Buches animiert. Kleiner Teaser: Ich habe es nicht bereut.

Der Erzählband besteht aus zehn Novellen. Die ersten vier spielen am Meer, dann gibt es einen Abstecher nach Frankreich, die übrigen sechs haben Rom als Handlungsort. Der Autor Hartmut Lange hat vergangenes Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert. Umso beeindruckender finde ich seine nach wie vor rege Schriftstellertätigkeit. Geboren wurde er 1937 in Berlin. Nach einem Dramaturgie-Studium arbeitete er zunächst in Ost-, später dann in Westberlin als Dramaturg. Seit den 1960er Jahren ist er auch als Autor tätig. Novellen zählen zu seinem bevorzugten Genre.

Mystisches und Tragikomik

Anlässlich Langes 80. Geburtstags erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über ihn und sein Werk. Darin werden die „gelassene Ruhe des Ratlosen“ sowie das „Unheimliche“ als typische Stilelemente seiner Werke genannt. Auch bei den Novellen im Band „An der Prorer Wiek und anderswo“ tauchen mystische Elemente auf, sie schweben in einer Sphäre zwischen Realem und Übernatürlichem. Zudem treten in den Geschichten nur wenige Personen auf, zu denen man kaum Hintergrundinformationen erfährt. Dafür schildert Lange die jeweiligen Situationen, in denen wir den Figuren begegnen, umso intensiver. Er tut dies mit einer gewissen Leichtigkeit, bei der man schnell in einen Lesefluss kommt.

Fast alle Novellen im Band haben tragikomische Elemente. Mal überwiegt die eine, mal die andere Komponente. So hat die Geschichte „Der Mönch am Meer“ deutlich komische Züge. Darin verschwindet der Mönch aus Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde mit eben diesem Titel, um das Meer einmal hautnah zu erleben. Dabei wird er beobachtet und macht folgende Bemerkung „…ist es nicht wunderbar, endlich einmal, anstatt eingeklemmt in der Enge eines Bilderrahmens, im Freien zu stehen?“.

Manchmal überwiegt aber das Tragische, wie in der Geschichte von Frau Frühwald, die völlig neben sich steht, seit sie erfahren hat, dass ihr Mann sie jahrelang betrogen hat. Sie flüchtet sich ans Meer und hofft dort Antworten zu finden.

Eine meiner Lieblingsgeschichten heißt so wieder der Titel des Bandes und spielt, wie sollte es anders sein, an der Prorer Wiek. Sie handelt von einem Maler, der im Urlaub einen inneren Aufbruch erlebt, ausgelöst durch eine Frau und eine verfallene Villa am Strand. Der Leser kann den Maler beim Auf- und Ausbruch beobachten. Und das Besondere: Teile dieser Geschichte werden in einer weiteren Novelle nochmals aufgegriffen und aus einer anderen Perspektive erzählt.

Fazit

Die einzelnen Geschichten sind sehr abwechslungsreich und ich habe sie gern gelesen. Bei vielen habe ich mir gewünscht, dass sie noch länger gewesen wären, denn das Buch hatte ich schnell ausgelesen. Deshalb halte ich nun nach einem anderen Buch von Hartmut Lange Ausschau, das auf meiner Leseliste landet. Falls jemand da einen Tipp hat, freue ich mich, ihn zu hören.

Diogenes | 128 S. | ISBN: 978-3-257-07013-2

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Gedanken zu „Rezension „An der Prorer Wiek und anderswo“ von Hartmut Lange“

  1. Hallo Nicole,

    vielen Dank für die Vorstellung des Buches, die mir gut gefällt. Zwei kleine Anmerkungen erlaube ich mir trotzdem:

    Binz ist keine Stadt (auch kein Städtchen), sondern eine Gemeinde. Richtig wäre hingegen die Bezeichnung Ostseebad.

    Die Prorer Wiek ist auch keine Bucht im (!) Ort, dazu wäre sie flächenmäßig ein wenig zu groß, sondern Binz liegt an der Prorer Wiek.

    Ich hoffe, du nimmst meine Spitzfindigkeiten nicht übel. Aber als geborene Rüganerin stören mich Ungenauigkeiten immer ein wenig, was wohl jedem so geht, wenn über seine (alte) Heimat geschrieben wird.

    Sonnige Grüße

    Anke

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    1. Hallo Anke,

      danke für deinen Kommentar! 🙂 Was ist denn der Unterschied zwischen einer Stadt und einer Gemeinde?
      Die Prorer Wiek wird übrigens in diversen Wikipedia-Artikeln als Bucht bezeichnet (hatte da vorher extra nochmal nachgeschaut), ich bin da aber auf keinen Fall Expertin – wie würdest du sie denn nennen?

      Viele Grüße ans Meer,
      Nicole

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