Belletristik, Biografie

Rezension „Ein Bild von Lydia“ von Lukas Hartmann

ein-bild-von-lydia-9783257070125Das Cover und der Titel haben mich neugierig gemacht. Angefangen zu lesen habe ich dann recht unbedarft. Mir ist auch erst im Leseverlauf bewusst geworden, dass ich gerade die belletristisch verfasste Biografie einer Frau lese, die real existiert hat – und zwar die von Lydia Welti-Escher.

Der Name dürfte in der Schweiz bekannter sein als in Deutschland. Ich hatte ihn zuvor noch nicht gehört. Lydia Welti-Escher war die Tochter des Zürcher Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher. Eine kurze Internetrecherche verrät, dass dieser durch zahlreiche politische Ämter sowie Gründungs- und Führungstätigkeiten, unter anderem bei Bahngesellschaften und im Bankwesen, wie kein zweiter Einfluss auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert nahm. Nach dem Tod des Vaters wurde Lydia Welti-Escher zu einer der damals reichsten Frauen der Schweiz. Im Jahr 1883 heiratete sie Friedrich Emil Welti – den Sohn des damals mächtigsten Bundesrates Emil Welti.

Das Buch setzt nach der Hochzeit der beiden an. Erzählt wird die Handlung aus Sicht des Dienstmädchens Marie Louise Gaugler, die für die Belange von Lydia Welti-Escher zuständig ist. Das Zusammenleben der Eheleute sowie alle anderen Vorkommnisse werden aus der Sicht dieses Dienstmädchens geschildert. So erlebt man, welche Probleme im Zusammenleben von Lydia und ihrem Mann auftauchen und was der Maler Karl Stauffer damit zu tun hat.

Während des Lesens erlebe ich Lydia als eine sensible, kunstinteressierte Frau, die unter der Enge ihrer gesellschaftlichen Position als Frau leidet. Sie blüht auf, als sie den Maler Karl Stauffer kennenlernt, der sie mehrmals porträtiert und mit dem sie viele Briefe schreibt, bis sich daraus eine Leidenschaft entwickelt. Doch diese Liebe wird von außen mit allen Mitteln bekämpft. Durch die Sicht von Marie bekommen wir vermittelt, wie sehr Lydia darunter leidet. Einen Einblick in Lydias Innenleben bekommt man dadurch aber nicht. So bleibt immer eine gewisse Distanz bewahrt zu dieser Frau, die sich mehr und mehr in sich selbst zurückzieht.

Viele Fragen zu Handlungsmotiven Lydias bleiben offen, da man nie ihre eigene Gedankenwelt kennenlernt. Das finde ich einen guten Schachzug von Hartmann, denn in literarischen Biografien über andere Personen steckt ohnehin immer ein gewisser eigener Interpretationsanteil – zunächst auf Seiten des Autors bzw. der Autorin, später auf Seiten der Leser.

Fazit

Das Buch ist sehr einfühlsam geschrieben. Es liest sich wie ein Psychogramm von Lydia Welti-Escher, angefertigt von der Person, die ihr in den letzten Lebensjahren wohl am nächsten stand – das Dienstmädchen Marie Louise Gaugler, die ebenfalls real existiert hat.

Ich bin beim Lesen schnell in einen guten Lesefluss gekommen. Die Zeitkontexte werden jeweils am Rande miterzählt, der Fokus liegt aber klar auf dem Handeln der Figuren und den Gedanken von Marie dazu. Manchmal wünscht man sich beim Lesen näher heran an die Figur der Lydia. Man erlebt mit, wie sich Marie in all ihrer Loyalität und Verbundenheit Lydia gegenüber zunehmend überfordert sieht, dieser zur Seite zu stehen. Dadurch wird das eng geschnürte gesellschaftliche Korsett in das sich Lydia eingezwängt sah, deutlich. Durch die Unmöglichkeit für Lydia, das Leben auszuleben, was sie sich wünscht, zieht sie sich schließlich immer mehr in ihrem Leid zurück. Immer wieder taucht beim Lesen dann die Frage auf: Wie wäre es ihr in einer vergleichbaren Situation heute ergangen?

Übrigens: Das Titelbild ist ein Ausschnitt aus einem Bild von Karl Stauffer, das er von Lydia Welti-Escher angefertigt hat.

Ein Bild von Lydia | 368 S. | ISBN: 978-3-257-07012-5

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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