Belletristik, Biografie

Rezension „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ von Erich Hackl

am-seil-9783257070323Das Buch von Erich Hackl ist eher ein Büchlein, gerade einmal knapp über 120 Seiten lang. Dementsprechend war ich auch recht schnell mit dem Lesen fertig. Aber der Nachhall dieses Buches ist weitaus größer.

Dass es dieses Buch gibt, verdanken wir Lucia Heilmann. Denn sie wollte diese Geschichte unbedingt erzählt wissen. Die Geschichte eines Mannes, der in Nazi-Deutschland ihr Retter war und sie und ihre Mutter, beide Jüdinnen, vor dem Tod bewahrt hat, indem er sie jahrelang in seiner Werkstatt versteckt hielt. So steht denn auch zu ihrem Anliegen geschrieben: „Reinhold Duschka als Vorbild für die nachfolgende Generation, das war ihr Antrieb und Ziel“ (S. 94).

Der Autor des Buches, Erich Hackl, ist bekannt für seine Erzählungen, denen authentische Fälle zugrunde liegen. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet.

Die Schilderungen im Buch sind nüchtern. Ohne emotional aufgeladene Sprache, sondern im dokumentarischen Stil werden die Ereignisse geschildert. Phasenweise liest sich das Buch wie ein Bericht, nie verliert man beim Lesen aus den Augen, dass es sich um belletristisch verfasste Realität handelt. Die Handlung setzt noch vor der Machtübernahme Hitlers ein. Wir lernen die Figuren kennen, wie sie die Vorkriegszeit erleben.  Erzählt wird mit Perspektivwechseln. Mal wird die Handlung von einem auktorialen Erzähler geschildert, dann aus der Ich-Perspektive, die Lucias Sicht wiedergibt. Auch andere Personen treten als Erzähler auf. Teilweise werden Deutungen und Erklärungsversuche eingestreut.

Trotz der nüchternen Sprache wirken die Ereignisse in ihrer Brutalität und Tragik erschütternd. Den Auftakt für die Grausamkeiten, die das Leben der damals zehnjährigen Lucia fortan prägen werden, bildet der Moment als im September 1939 Lucias Großvater von „kräftigen breitschultrigen Männern“ (S. 20) abgeholt wird. Wenige Tage später erhalten sie die Todesmeldung. Ihre Mutter Regina weiß daraufhin, dass die Zeit drängt und nachdem ihre Ausreisebemühungen aufgrund von Geldmangel scheitern, ist sie auf der Suche nach einem Versteck für Lucia und sich. Sie finden ein Quartier in der Wiener Werkstatt des Kunsthandwerkers Reinhold Duschka, dem ehemals besten Freund von Lucias Vater. Reinhold versteckt die beiden fast schon mit Selbstverständlichkeit, der Mut seiner Tat ist ihm offenbar gleichgültig. Und doch bekommt man beim Lesen mit, wie knapp alle drei mehrmals dem Entdecktwerden und somit dem Tod entkommen sind.

Das Buch erzählt auch von der Zeit nach Kriegsende. Durch die übergangslose Schilderung wird die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges und besonders der Judenverfolgung noch deutlicher. Am Ende des Lesens stand für mich Erschütterung. Aber auch Bewunderung für den Menschen Reinhold Duschka und dessen selbstverständliche Zivilcourage. Menschen wie er sind Vorbilder, gerade in der heutigen Zeit. Das Buch sehe ich daher auch als Warnung, wie schnell sich die Gegenwart zu einem düsteren Schauplatz entwickeln kann.

Fazit

Das Buch ist absolut empfehlenswert und könnte in meinen Augen gut als Schullektüre dienen, weil es viel Raum für Gespräche und Diskussionen bietet. Da es reale Ereignisse schildert, ist es für mich noch viel wirkungsvoller. Im Anschluss ans Lesen habe ich mich weiter über die darin vorkommenden Personen informiert, da durch die Kürze des Buches bei mir viele Fragen offen geblieben sind. Besonders über Lucia Heilmann, die Ärztin geworden ist, findet man viele Informationen.

Zum Schluss möchte ich noch ein Zitat über Reinhold Duschka teilen, das mich berührt hat. Geschrieben wurde es 1993 von Leo Graf als Nachruf auf den 93-jährig Verstorbenen:

„Es war für dich selbstverständlich und gar nicht erwähenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast. Und dafür möchte ich Dir gerade jetzt, wo sich die Geschichte zu wiederholen droht, ganz besonders danken.“ (S. 101)

 

Am Seil. Eine Heldengeschichte | 128 S. | ISBN: 978-3-257-60913-4

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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